The Bell Jar

Ah, was gibt es Schöneres, als sich nach monatelanger, fast ausschließlicher Houellebecq-Lektüre zwecks Masterarbeit mal so ’nen richtigen freshen Roman über Depressionen zur Auflockerung reinzuzwitschern? Wenig, möchte die Autorin meinen.

Der Höhepunkt meiner akademischen Laufbahn naht und kumuliert seit ein paar Wochen an einer Master-Thesis über das Frauenbild Michel Houellebecqs – Gestern konnte ich nicht mehr, musste aus dem Epizentrum geballten männlichen Weltenhasses ausbrechen und habe mir Sylvia Plaths einzigen Roman geschnappt. Da waren wir also, die Glasglocke und ich. Mein mind war die reinste Leinwand westlich der Wüste Gobi, ich wusste nichts über die Handlung des Romans und hatte außer der Empfehlung einer klugen Kommilitonin (hallo Charlotte!) auch noch nichts über seinen Inhalt gehört. Lediglich ein paar Gedichte hatte ich von Frau Plath zuvor gelesen, analysiert und für brilliant befunden (Anspieltipp, natürlich: Daddy), die Vorzeichen hätten deutlicher auf GREAT nicht stehen können.

Und was ein Erlebnis diese Lektüre doch war! Ah! Schade, dass das Schicksal der Autorin so tragisch verlief, in diesem sehr düsteren, cleveren Kopf schwirrten sicher noch ein Haufen weiterer großartiger Gedanken, als sie ihn in ihren Backofen steckte (true story). Aber in biographischen Details soll sich dieser Artikel nicht verlieren, ihr findet Wikipedia sicher auch von allein.

The Bell Jar also: Esther Greenwood ist 19, gewinnt einen Essaycontest eines Magazins und wird für einen Monat nach New York eingeladen, um dort mit elf anderen Mädchen  zu arbeiten, zu Dinners und Parties eingeladen zu werden, das high life n bisschen zu genießen, hier mal ne Fashion Show, da mal n Styling, diesdas, #fashionblogger1953. Aber obwohl alles nach außen ganz fancy wirkt, ist irgendetwas nicht in Ordnung. Nach und nach verliert Esther den Halt an der Realität; schleichend, ohne dass man als Leserin erkennen kann, wann genau der shit crazy wird.

Esther hat eine Vision, sieht sich selbst in einem Feigenbaum sitzend, ringsherum juicy, reife Früchte, aber sie kann sich für keine entscheiden, sie verwelken vor ihren Augen. Die Früchte sind die Optionen, die ihr offen stehen; ein Leben als Poetin, eines als Hausfrau und Mutter, eines als Olympionikin, usw, usf. Choose one, lose the rest, du kannst nur eines sein; ne gute Muddi oder ein Babe mit Karriere, beides geht nicht. Kernaussage (obwohl die Feige ja eher Steinobst ist, lol): Du hast ein Leben zu wählen, die anderen Möglichkeiten jedoch bleiben dir dadurch verschlossen. Boom – spätestens da hatte der Text mich. 1963 hatte Sylvia Plath schon alle Probleme, mit denen jeder Millenial, der was auf sich hält, heute zu kämpfen hat. „She wants […] to be everything.“ – wer kennt das nicht. Aber wenn das Bafög zu Ende ist und das Gehalt von irgendwas-mit-Kultur noch nicht richtig fest sitzt, ist das schwer.

Bis zu diesem bemerkenswerten Punkt war das Buch eigentlich sehr witzig, nach und nach schaltet sich allerdings eine zweite Ebene ein, Esther wird richtig loco und landet nach einem Selbstmordversuch schließlich in der Psychiatrie. Sie erlebt Therapie mit Stromschlägen, trifft eine Doppelgängerin und bemüht die wahrscheinlich treffendste Metapher ever: Depression als Gefangensein unter einer Glasglocke. Sylvia Plath beherrscht die Kunst, das Leid ihrer Protagonistin so zu verpacken, dass man es gerade noch tragen kann, die Schön- und Klarheit ihrer Worte machen es möglich. Wir sehen durch die Augen einer kranken Frau, ohne sie für bescheuert zu halten.

Die wirklich herausstechendsten Momente sind allerdings die, in denen Esther so herrlich emanzipiert und selbstbewusst ist, dass einem in Zeiten des 50-Jahre-Frauenbild-Revivals in der Gesellschaft (nicht wahr, Jan Fleischhauer, deine blöde SPIEGEL Kolumne hab ich gelesen!), kurze Lustschauer über den weiblichen Rücken laufen. Ich zitiere:

„My mother kept telling me nobody wanted a plain English major. But an English major who knew shorthand was something else again. Everybody would want her. She would be in demand among all the up-and-coming young men and she would transcribe letter after thrilling letter.
The trouble was, I hated the idea of serving men in any way. I wanted to dictate my own thrilling letters.“

Jaa, jubelt da so ungefähr alles in mir. DU DIKTIERST DEINE EIGENEN BRIEFE, GURL!

Oder wenn Esther die Ansicht der Mutter ihres Nicht-so-ganz-Sweethearts ablehnt, dass der Mann ein Pfeil sei und die Frau der Ort, von dem er abgeschossen wird:

„The last thing I wanted was infinite security and to be the place an arrow shoots off from. I wanted change and excitement and to shoot off in all directions myself, like the coloured arrows from a Fourth of July rocket“

Awww, yes. Irgendwas an dem ganzen: „I am my own woman“, wie Esther die Kontrolle über ihre eigene Empfängnisverhütung übernimmt, wie sie sich weigert, soziale Normen, die Frauen benachteiligen zu akzeptieren, ist elektrisierend. Sie mag verrückt und depressiv sein, aber vielleicht ist es auch die Welt, die krank ist und nicht sie.

Natürlich sind das jetzt keine revolutionären Ansichten, der Hobel ist längst kanonisiert, das Lob schon lange verteilt, aber für mich war es neu. Und bei Sylvia Plath habe ich gefunden, was mir bei Houellebecq gerade gefehlt hat: „What does a woman see in a woman that she can’t see in a man?“ – „Tenderness“.

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