Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung

Nur, weil etwas eine gute Idee ist, heißt das leider nicht immer, dass es auch nachher wirklich ein Knaller wird. Leider ist das mit Kamel Daouds Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung der Fall. Zunächst einmal funktioniert der Roman wirklich nur im Zusammenhang mit Camus Der Fremde (Meursault ist nämlich der Star des Romans des Algerier-Franzosen Camus, der am Strand einen Araber erschießt). Das ist natürlich in der Anlage des Ganzen festgelegt, aber Daoud schafft es auch einfach nicht, etwas zu erschaffen, das allein Bestand haben könnte. Wer Der Fremde nicht gelesen hat, muss jetzt entweder schnell an die Theke der nächsten Stadtbücherei oder kann hier nochmal nachgucken.

Das interessante an Der Fall Meursault ist die Perspektive, aus der berichtet wird: Es erzählt der Bruder des namenlosen Arabers, den Camus‘ Held am Strand in Algerien erschießt. Und man fragt sich: Warum wurde so ein Buch nicht schon früher geschrieben? Und alle, die auf Hauspartys mit ein bisschen intellektuell angehauchtem Angegebe von sich behaupteten, Camus geliebt zu haben, ja, und auch diese ganze Verlorenheit des Protagonisten so gut nachempfinden zu können und sich selbst ja auch so sehr als Existenzialisten sehen (die Autorin eingeschlossen), die müssen nach Erscheinen dieses Romans zugeben: Ja, shit. Auch ich bin nie über diese eurozentristische Sicht hinweggekommen.

Dass alles mehr als eine Seite hat, ist uns oberflächlich bewusst. Das wirklich zu hinterfragen ist dann immer eine andere Sache. Und das ist der Verdienst von Daoud: Er macht es einfach. Er fragt sich: Warum wurde nie über das Opfer gesprochen? Wer könnte das gewesen sein? Warum wurde bisher so selten eine kolonialkritische Perspektive eingenommen?

Die Idee ist also der Knaller, aber was dann kommt ist leider so enttäuschend wie die Mischung von Croissant und Donut. Es klingt gut, aber irgendwie ist es auch nur ein weiteres Gebäck mit einem guten Namen.

Was mich an Der Fall Meursault so nervt ist, dass dem Autor etwas fehlt, was Camus hatte: guter Stil. Es ist anstrengend, das Buch zu lesen. Hätte ich nicht neun Stunden im ICE vor mir und keinen anderen Lesestoff gehabt, wäre die Lektüre wahrscheinlich weniger intensiv ausgefallen. Daoud erzählt nicht linear, aber auch nicht cool in Episoden wie Welsh an guten Tagen, sondern die Struktur erinnert an (drum roll) Erinnerungen. Mal kommt dem Erzähler das eine in den Kopf, mal was anderes. Das passt zum Setting, der Protagonist erzählt seine Story schließlich als alter Mann in einer Bar, aber es geht auch auf den Keks. Der Roman ist einfach zu gewollt. Zu durchkomponiert. Er orientiert sich stark an Der Fremde, was klar und Absicht ist. Aber es ist zu forciert. Wo bei Camus das Motiv der Sonne immer wieder auftaucht, kommt bei Daoud ständig die Nacht vor. Des Camuschen Progatonisten Mutter stirbt im ersten Satz, bei Daoud lebt sie noch.

Ich kann mich nicht dagegen wehren, für mich wirkt Der Fall Meursault wie ein Schulaufsatz. Lieblos. Als hätte er den Text schreiben müssen, aber es gar nicht gewollt. Und dann bemüht der Autor auch noch ständig krampfhaft das Bild einer Prostituierten als Metapher. Die Stadt als Prostituierte, das Meer als Prostituierte, Nutten everywhere. Buhu, okay, we get it. Du wolltest das also gern einbauen.

Vielleicht ist aber gerade das die Stärke des Textes – nicht die Sexworker, die Lieblosigkeit. Dadurch, dass er so wirkt wie eine Pflicht zeigt sich nämlich die Dringlichkeit, mit der dieser Roman geschrieben werden, wie unbedingt diese Perspektive eingenommen werden musste. Ich fand den Text trotzdem leider nicht gut gemacht.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s