How To Ruin Everything

Die besten Gefühle sind am schwersten zu beschreiben. How To Ruin Everything erregt ein solches. Die Textsammlung von George Watsky hinterlässt eine warme Spur im Inneren, so wie ein Löffel Honig, den man sich im Mund zergehen lässt. Süß und schön und es springen plötzlich Rezeptoren an und man könnte denken, man sei ein einziges Lächeln und hat gleichzeitig so ein paar Freudentränen im Augenwinkel, wie eine Oma in einer Schokoladenwerbung, die ganz stolz auf ihr Fake-Enkelkind ist, das eine eins in der Mathearbeit geschrieben hat.

Bei Künstlern, die man schon aus einer bestimmten Kunstform kennt und schätzt, ist das mit dem Ausprobieren neuer Ausdrucksmöglichkeiten immer so eine Sache. Als Fan lebt man gern in dieser Illusion, dass Werk und Künstler eine untrennbare Einheit sind, die losgelöst von Raum und Zeit immer genau so bleiben, wie sie sind. Wer denkt sich schon: „Toll, die neue Platte von Phil Collins/ (enter beliebige Legende here) klingt echt total anders als alle anderen davor, endlich mal richtig verrückt und experimentell, besonders das Tenorhorn im Trapteil hat mir gut gefallen“? Wir wollen, dass unsere Helden sich niemals ändern. Wer wissen möchte, weshalb ich hier so hart am fangirlen bin, dem sei ein kurzer Ausflug in die audio-visuelle Welt empfohlen, um sich einen Ausschnitt des Œuvre des George W. (der Gute) anzusehen/hören. Gute Songs und Videos findet man hier, hier oder hier. Zum Glück hat Watsky aber nicht auf meine Binsenweisheit gehört und statt Hip-Hop und spokenword zur Abwechslung ein Buch gemacht.

How To Ruin Everything trägt den Untertitel Essays. Wer sich hier nun an MC Adorno und seine komplizierten (aber interessanten) Ausschweifungen über den Essay erinnert fühlt, der sei unbesorgt; die Essays Watskys sind erzählerischer Art, nicht übermäßig philosophischer. Bisher ist das Werk des wortreichen Westküstlers Watsky nur auf englisch zu haben und meines Wissens nach leider auch nur bei einem großen Internetversandhandel mit A. Auch wenn sonst natürlich immer „Support your local Buchhändler“ gilt, muss, wer sich des Schreibwerks bemächtigen will, in den bequemen Apfel mit Prime-Versand beißen.

In den insgesamt vierzehn Essays, die eher Kurzgeschichten sind, erzählt Watsky aus seinem Leben. Der Stil flowt, man kann die Texte in einem Zug durchlesen und sie machen auch nach ein paar Wochen nochmal genau so viel Spaß wie beim ersten Mal. Es gibt Stories aus der Kindheit, der Jugend, dem frischen Erwachsensein, von seinen Eltern, deren und seinen eigenen Freunden. Die erste Geschichte ist gleich ein Highlight, sie beschreibt, wie der Autor mit einem Freund zum Elfenbeinschmuggler wird. Das ist unglaublich komisch, aber auch liebevoll gemacht und man hat das Gefühl, ein sehr, sehr cooler Freund erzähle einem diese Geschichte. Ein anderer Essay beschäftigt sich mit der Schulzeit des Autors und den Erziehungsmethoden seiner Mom, einer mit dem Tourleben als Hip-Hop artist, einer mit den Castings für Jobs, die man gar nicht machen will (Wer kennt es nicht: „Fußmatten sind meine Leidenschaft, der Kontakt mit potenziellen Kunden macht mir viel Spaß“) – und einen Essay kann man sich sogar mit passendem Video vorlesen lassen und so einen Taste kriegen, was einen erwartet, wenn man sich die praktische Gebrauchsanleitung dazu, wie man auch wirklich alles ruinieren kann, zu Gemüte führt.

Eines jedenfalls ist klar: dieses Buch hat George Watsky ganz sicher nicht ruiniert. Literaritaet verteilt 5/5 Kochlöffeln für diese tolle Rezeptsammlung.

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