Der Fremde

Eine Polemik über ein Buch und uns.

Jetzt haben wir es endlich. Das Ereignis, das wir in wenigen Dekaden unseren hoffentlich weniger bescheuerten Nachkommen erklären können. Omi hatte Hitler, unsere Eltern den kalten Krieg und wir dürfen uns darauf freuen, ca. 2046 zu Zeitzeugen zu werden, die ihr Gewissen damit zu beruhigen versuchen, sich in angebliche Ohnmacht und Unwissenheit zu retten. Das hat ja keiner ahnen können, dass der Trump so ein schlimmer Finger war. Und dass sich in Deutschland auch so schnell Populisten durchsetzen konnten. Kleines Post-Fuck-You an unsere Zeit.

Was liegt in einem Jahr, in dem unsere letzten Helden sterben wie die Fliegen, Frauen um ihre einfachsten Rechte bangen müssen (liegt bestimmt an unseren kleineren Gehirnen), Menschen, die nicht einem Familienbild aus den 1950er entsprechen, zu Feindbildern der Gesellschaft gemacht werden sollen, Xenophobie und Mauer-Denken um sich greifen da näher, als sich dem Existenzialismus und dem Absurden zuzuwenden? Im Literaritaetsheadquarter: wenig.

Fluch und Segen, dass sich die Geschichte wiederholt. So wissen wir jedenfalls (Albert Camus‘ Protagonisten sei Dank) wie sich richtiges Verlorensein anfühlt. Meursault wusste wohl ebenso wenig wie wir, was die ganze Scheiße soll. Und mit gleicher Handlungsunfähigkeit und Emotionslosigkeit sehen wir gerade die Idee eines Lebens in globaler Einheit und Freiheit den Bach herunter treiben, süffisant lächelnd, winkend. Aber naja, solange Instagram noch stabil läuft, ist das kein alles Grund zur Sorge. Es geht uns doch gut!

Inhaltsstoffe: 159 Seiten, insgesamt elf Kapitel, sechs im ersten, fünf im zweiten Teil. Kann Spuren von Existenzialismus enthalten. Eine Kurzzusammenfassung des Hauptplots findet sich im Songtext des kontrovers diskutierten und falsch verstandenen „Killing an Arab“ von The Cure.

Meursault lebt in Algier in Algerien (damals noch eine französische Kolonie) und gleich zu Beginn des Romans lässt Camus ihm passieren, was zu einem der berühmtesten Romananfänge ever ever wurde; seine Mutter stirbt. Statt einem angemessenem Heulkrampf/irgendeiner Gefühlsregung bleibt der Protagonist jedoch unbewegt. Er lebt sein Leben weiter, seiner Mutter hatte er eh nicht mehr viel zu sagen und so macht es ihm auch nichts, sich einen Abend nach der Beerdigung seiner Mutti mit einer flotten Dame names Marie zu vergnügen. Es sei ja schließlich nicht seine Schuld, dass seine Mutter gestorben sei.

(Awww, guckt mal, genau wie wir! Wir, die wenig dagegen unternehmen, dass sich grundlegend etwas an unserem gesellschaftlichen Diskurs ändert und die Schuld bei den Anderen suchen. Wo bleibt unser Widerstand? Statt auf die Straße gehen wir auf Twitter und klopfen uns auf die Schulter, wenn wir zwei, drei Hasskommentare gemeldet haben. Dabei dürfen wir nicht vergessen; Nicht nur das Streichholz ist das Problem. Im richtigen Umfeld verglüht es schnell. Das Stroh, das sich entzünden lässt, ist eine viel größere Gefahr)

Getrieben einzig von der Annahme, dass sein Handeln so oder so keinen übergeordneten Sinn hat, freundet sich Meursault mit einem Zuhälter an und gerät in einen dubiosen Streit am Strand. Er leiht sich einen Revolver, geht allein zurück, wird ganz verrückt von der Sonne und erschießt einen Araber. Just cause.

Camus‘ Stil ist einfach, fast kindlich. Der Text lässt sich in einem Zug durchlesen, klingt aber trotzdem lange nach. Was Meursault an Zärtlichkeit fehlt, findet sich in der Gestaltung der Nebenfiguren wieder. Da gibt es den besten Freund der Mutter, der bei ihrer Beerdigung in Ohnmacht fällt, wodurch sich seine große Verletzlichkeit offenbart. Oder den Nachbarn Meursaults, dessen von Räude geplagter Hund verschwindet und seinen Besitzer in völliger Einsamkeit zurücklässt. Man muss Mitleid empfinden, obwohl oder gerade weil man der Perspektive des kalten Hauptcharakters ausgeliefert ist.

Meursault does not care. Don’t be like Meursault. Nächstes Mal gibt es wieder etwas mit mehr Hoffnung, kiddos. Aber ein bisschen Blues müssen wir uns vielleicht gerade zugestehen.

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