Für den Frieden

Aus der Verleihung des Friedenspreises an Carolin Emcke

Ich habe es leicht; alles. Ich bin in einer Zeit des Friedens in Deutschland geboren, ich bin heterosexuell, mein Hochschulabschluss ist sehr gut, meine Eltern unterstützen und lieben mich. Wenn wir mal ehrlich sind, weiß ich einen Scheiß darüber, wie das Leben ist, wenn es nicht unter solch privilegierten Vorzeichen beginnt. Ich weiß nicht, wie es ist, aus meiner Heimat fliehen zu müssen, nicht, wie es ist, keinen Zugang zu Bildung zu bekommen, kann nicht sagen, wie es sich anfühlt, beleidigt zu werden, weil ich eine Frau liebe. Alles, was ich habe ist Empathie. Mitgefühl für diejenigen, die jeden Tag Demütigung erleiden, sich verstecken müssen, Verzweiflung empfinden. Und ich habe Berichte von Menschen wie Carolin Emcke, die die Flagge der Empathie hochhalten.

Der 23.10.2016 war wahrscheinlich der wichtigste Tag in meinem Literaturleben. Ich durfte mit einem Haufen Kommilitonen bei der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels im Publikum in der Paulskirche sitzen (Für alle, die keine Ahnung haben, warum ich mich so freue/ „Wat fürn Preis?“ …just google it). Jackpot, heaven, is this real life? Was soll jetzt noch kommen.

Zugegeben, vor der Verleihung hatte ich recht wenig von Carolin Emcke gelesen, ein gelegentliches Interview, den Wikipedia Artikel, Rezensionen ihrer Werke – Das Leben ist hart an der Küste, ich hab auch nur so viele Stunden am Tag wie Beyoncé. Nach der Generalprobe am Samstag, die herrlich banal war, in der Carolin Emcke jedoch schon sehr charismatisch und sympathisch herüberkam, habe ich mir dann doch last minute noch auf dem Nachhauseweg zwei Bücher von ihr gekauft und in der Bahn angefangen zu lesen. Ich hätte fast die Haltestelle verpasst.

Mit welcher Klarheit diese Frau das Denken in schwarz und weiß auseinander nimmt, ist bemerkenswert. Ihre Rede am Sonntag war bewegend, sie hat einen Stil und Ton gewählt, der es leicht machte, ihr zuzuhören. Nach der sehr langen und wissenschaftlich anmutenden Laudatio von Seyla Benhabib ist die eigentliche Preisrede direkter, zugänglicher, sie wirkt, als würde eine gute Freundin einem die Welt erklären. Eine weise Freundin, die schon viel mehr Leid gesehen hat, viel mehr Anfeindungen ausgesetzt war, als jemand wie ich es jemals sein wird. Und sie ermutigt dazu, Hass, Demütigung, dieses seltsame Gefühl, das sich in einem breitmacht, wenn sich Parteien mit einer rechten Position nach der anderen profilieren wollen, nicht hinzunehmen. Oder um es mit den Worten von Marius Müller-Westernhagen zu sagen: Schweigen ist feige. Reden ist Gold. Carolin Emcke ruft dazu auf, weiter zu machen. Es ist unsere Pflicht, uns gegen nationalistische Parolen, Antisemitismus, Sexismus, Ausgrenzung und hate speech zu stellen.

Ihre Ausführungen darüber, das Besondere der Menschen wahrzunehmen, nicht das Gleichmachende haben mich an Kracauers Ornament der Masse erinnert: Erst durch den Verlust ihrer Individualität werden Menschen zu einer Gruppe, die gehasst werden kann. In unserem postfaktischen Theater der Massenunterhaltung (vorwiegend) in den sozialen Medien gehen einzelne Menschen in der Masse unter. Es ist einfach, die Muslime zu hassen, es ist schwer, Safiye zu hassen, die den besten Reispudding kocht oder Nadim, der einem den Fahrradreifen geflickt hat. Es ist einfach, Homosexuellen Rechte abzusprechen, aber es ist schwer, das zu tun, wenn man gern mit Daniel und Sandro sonntags in ihrer gemütlichen Altbauwohnung Tatort guckt.

Und auch wenn ich niemanden kenne, der Safiye oder Nadim heißt, wenn Sandro und Daniel in Wirklichkeit nur zwei ausgedachte Namen sind, so kann ich mir vorstellen, wie das wäre, sie zu treffen: ganz normal. Und fuck ja, ich will, dass sie die gleichen Rechte haben wie ich. Ich will Steuern zahlen, damit diese Menschen, die ich nicht kenne, zum Arzt gehen können, damit ihre Kinder nicht nur zur Schule gehen können, sondern auch einen guten Abschluss bekommen. Ich will Politiker wählen, die sich darum kümmern, dass sie heiraten können wie ich, dass sich niemand verstecken muss oder schämen, weil er lieber eine sie wäre oder umgekehrt oder sonstwas. Das Volk als homogene Masse, auf das wütende Pöbler und rückwärtsgerichtete Verlierer so stolz sind, gibt es so nicht, kleiner reminder. Ich bin anders als ihr, ich bin anders als meine eigene Mutter, ich bin anders als Carolin Emcke – und das ist okay. Ihre Freiheit ist meine Freiheit, wenn sie angegriffen wird, weil sie eine Frau liebt, dann greift das auch mich an und jeden anderen Menschen, dessen Partnerwahl als wünschenswert angesehen wird. Wenn ein Flüchtling angegriffen wird, weil seine Haut dunkel ist und er arabisch spricht, dann greift das auch mich an und jeden anderen Menschen, dessen Ausweis und Hautfarbe als wünschenswert angesehen wird. Wenn jemand mit den gleichen Menschenrechten wie ich in seiner Würde verletzt wird, dann greift das auch mich an.

Ich habe es leicht. Aber solang andere Menschen es hier nicht leicht haben, darf mir keine Anstrengung, keine Widerrede zu viel sein. Es nervt, aber man darf nicht aufhören, schwarz-weiß Denkenden zu zeigen, dass es Grautöne gibt. Mir hat die Rede dieser beeindruckenden Frau Mut gemacht und aus dem Herzen gesprochen, ich habe in der Paulskirche geweint.

PS.: Ich glaube ja, dass Carolin Emcke Literaritaet-Fan ist, schließlich hat sie den Titel meines Artikels aus dem Februar gleich als Buchtitel verwendet. Ist okay, Caro, ich gönn ihn dir. In Kernpunkten sind wir ja einer Meinung. Den kompletten Stream der Veranstaltung findet ihr hier, Carolin Emcke spricht ab Minute 45. Aus cineastischer Sicht sicher kein Meisterwerk mit den recht eintönigen Kameraeinstellungen, aber hier kommt es wie meist auf den Inhalt an, nicht die Optik.

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Ein Gedanke zu “Für den Frieden

  1. OBM Feldmann protzt mit seinem „mad Bling“, aber du bist nirgends zu erkennen… immer wenn ich Katrin Göring-Eckhardt gesehen habe, dachte ich kurz, dass du das bist (no offence). Hättest den Platz mit Gaucks Personenschützer tauschen sollen, der war übertrieben oft im Bildmittelpunkt und hatte recht offensichtlich keinen großen Spaß an der Veranstaltung. Und was war eigentlich an dem Make-Up von der Emcke kaputt, dass sie von vorne aussah wie schlimme Pigmentstörung an den Wangen, aber im Profil alles in Ordnung ist?! Naja, ich wünsche dir ähnliches Tempo wie der Emcke, die es laut Rede ja in sechs Jahren aus dem Publikum zur Preisträgerin geschafft hat. Und die hat noch nicht mal einen Blog!

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