Die Toten

Ich krache, du krachst, Christian Kracht. Christian lässt es krachen. Kracht machen. Mit Ach und Kracht. Die Kinder aus der Krachtmacherstraße. Aaah, sweete, sweete Wortspiele.

Die Liebe zu Christian Krachts Werk ist eine masochistische. Er ist cleverer als wir. Und das lässt er uns spüren. In Die Toten entführt die zarte schweizer Versuchung in die Filmgeschichte der 30er Jahre; Inhalte des Jahrzehnts sind ja gerade bedrückender Weise wieder en vogue. Zwischen Japan, Deutschland, der Schweiz und den USA entspinnt Herr K. eine wirklich hübsche Geschichte. Und scheißt auf historische Genauigkeit, das ist sympathisch. Es geht um das Filmbiz, Heinz Rühmann und Charlie Chaplin geben sich neben anderen fiktiven und realen Größen die Ehre, es geht um die aufkommende feindselige Stimmung in der Gesellschaft, und irgendwie auch um einsame Seelen.

Aber wie immer in Krachts Werk ist es nicht nur die Story, die fasziniert, sondern vor allem die Sprache. Der Mann ist so gnadenlos talentiert und gut, dass einem fast übel werden kann vor Neid. Seine Figuren bewegen sich „Gesprächsfetzen hinter sich fallen lassend wie zerknülltes Altpapier“ durch ein Hotel und man fragt sich: Deggah, wie kann man so abgebrüht sein und quasi en passant mal zeigen, was mit dieser Sprache eigentlich möglich ist? Bam, kids, hier habt ihr noch ein Partizip Präsens Aktiv, jawollo! Eine Frau sehnt sich eine Sternschnuppe herbei, die aber nicht kommt. Wie beschreibt Chr. Kr. das? Etwa: „Die Sternschnuppe kommt nicht“? oder „Der Himmel blieb unverändert“? NEIN: „das schwarze Firmament dort oben bleibt undurchmessen von Kometen“. Alles klar, ich weine mich dann sanft in den Schlaf, weil ich niemals so gut sein werde.

So unterhaltsam der Roman auch ist, mit seinen überraschenden Wendungen, seinem smarten Aufbau, seiner gewaltigen Sprache, man bleibt dem Autor in Die Toten trotzdem ständig unterlegen. Er ist so schlau. Die Bezüge auf Dinge über und hinter dem Text sind so vielfältig, man kann sie gar nicht alle verstehen. Da freut man sich, dass man Hamsun und Kracauer gelesen hat, die Anspielungen checkt und dann kommt eine Referenz auf japanische Werke, Autoren, Regisseure und Theaterformen nach dem anderen und man merkt, wie ignorant man in seiner westeuropäischen Blase ist, in der man sich schon für kultiviert hält, wenn man Game of Thrones auf englisch guckt, „weil der Originalcharakter der Szenen so viel authentischer rüberkommt“.

Christian Kracht ist der ultimative Literaturhipster. Auf einer Party wäre er der Typ mit dem Cordsakko, der bei einem Glas veganen Bio-Wein erklärt, er interessiere sich zur Zeit total für die frühe japanische Filmkultur und damit auch noch Erfolg bei Frauen hat. Es sei ihm aber gegönnt. Die Toten hat sich seinen rechtmäßigen Platz zwischen Imperium und Faserland verdient, auch wenn es nicht ganz an den Charme der beiden Meisterwerke heranreicht. Irgendwie will man sich ja auch klug fühlen.

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