FUCK

oder: Old, but gold?

Es gibt Kulturen, in denen Altenmord praktiziert wird. Dort sind entweder die Jungen verpflichtet, ihre eigenen Eltern umzubringen oder Senioren werden aus der Gemeinschaft ausgeschlossen und damit dem Tod überlassen.

Als gestern das großartige Britannien beschloss, die europäische Union zu verlassen, zeigte sich nach und nach, wie sauer unsere (die 90ies Kids) Generation auf die Alten ist. Nicht nur in England waren die meisten meiner Freunde fassungslos, auch in meinem deutschen Feed gab es mal Abwechslung zu „Bekannter 1 hat ein unwichtiges Video mit stolen content von Bekanntem 2  kommentiert“.

Wir sind entsetzt. Und sauer. Auf die Alten, die uns die Scheiße eingebrockt haben.

Wir sind sauer, weil wir in acht Jahren durch die Schule gezerrt wurden, um schneller produktives Mitglied einer Gesellschaft sein zu können, die Wirtschaftswachstum zur Ersatzreligion erhoben hat. Und weil wir jetzt erkennen, dass Wachstum nicht unendlich sein kann. Wenn das Elfenbein aufgebraucht ist, wird der Turm nicht mehr höher. Das hätten auch unsere Großeltern wissen müssen.

Wir sind sauer, weil wir mit 17 Jahren schon wissen mussten, was wir den Rest unseres Lebens machen werden. Wir wurden beraten von Menschen, die ihr Abitur abgelegt haben, als es noch zwei deutsche Staaten gab und die Rente sicher war.

Wir sind sauer, weil wir hören, das wir wahrscheinlich keine Rente mehr bekommen.

Wir sind sauer, weil wir für Jobs am besten nicht nur hoch qualifiziert sein müssen, sondern auch Erfahrung mitzubringen haben und dankbar sein dürfen, wenn wir nach mindestens fünf Jahren Studium 1.800€ monatlich verdienen. Erfahrung sammelt man durch Praktika, in denen man nicht etwa Neues lernt, sondern mit Aufgaben konfrontiert wird, die das, was man bisher gelernt hat, bei Weitem übersteigen. Acht Stunden am Tag, jederzeit am Wochenende per Whatsapp erreichbar, 300€ Entlohnung, wenn man Glück hat. Learning by doing nennt das der Chef dann jovial und zwinkert einem aus seinem umfalteten Auge zu. Beim Abendessen erzählt er seiner Frau, wie wichtig es sei, junge Talente zu fördern und wie großzügig er sie ja entlohne.

Wir sind sauer, weil wir in der Schule unsere Handys weglegen mussten und uns jetzt von Menschen, die erst seit 2015 Emoticons benutzen, anhören müssen, dass die Zukunft digital sei und das man „da den Anschluss nicht verlieren“ dürfe.

Wir sind sauer, weil wir in unserem Europa unseren Wohnraum kaum bezahlen können. Weil die alte Barbara Hendricks sagt, dass junge Berufstätige nur 30m2 zum Leben bräuchten, da sie ja eh nur zum Schlafen in ihre Wohnungen gingen und sonst in Lounges und Bistros abhingen. Weil das so unglaublich weit weg ist von unserer Realität.

Wir sind sauer, weil wir mit Mitte zwanzig nicht nur immer noch nicht unabhängig von unseren Eltern sind, sondern auch keine Ahnung haben, wie wir das jemals werden sollen. Gewonnen haben die, die erben. Aber in Häusern hocken, die einem nicht gehören, bis jemand stirbt, unterstützt von denen, die ihr Leben damit finanzieren, dass sie vor dem Ruhestand ein paar Wohnungen in guter Lage gekauft haben, für die man dann auch „gern etwas mehr bezahlt“, ist unbefriedigend.

Wir sind sauer, weil wir als Europäer aufgewachsen sind und nun die Alten dagegen stimmen. Die EU trat in dem Jahr in Kraft, in dem ich geboren wurde. Unsere Jugend war geprägt von Klassenfahrten nach England, nach Griechenland. Bier kann man ohne Pfand in Dänemark einkaufen und ein Wochenende in Amsterdam scheitert höchstens an der Tatsache, dass am Sonntag keiner mehr Autofahren kann und nicht daran, dass es hier Grenzen gibt. Es ist schwer zu begreifen, warum Menschen auf diese Vorzüge scheißen wollen, wenn sie es doch sind, die uns zu Europäern erzogen haben. Ich habe Abitur an einer Europa-Schule gemacht, ich habe mein Studium an einer Europa-Universität bestanden, ich bin Europäerin. Warum seid ihr keine Europäer, Omis und Opis?

Gestern hat nicht nur England mit der EU Schluss gemacht, gestern haben die Alten den Jungen die Zukunft verkackt. So fühlt es sich jedenfalls an.

Die Alten sind desillusioniert. Ihr Wirtschaftswunder ist vorbei. Sie haben auch keine Antworten, aber ihnen wird die Verantwortung zugetragen. Du hast doch so viel Erfahrung, warum ist die Welt, wie sie ist, sag mal, Alter! Sie haben den Anschluss an die digitale Welt eben nicht geschafft. Sie stehen vor dem Scherbenhaufen einer Zeit, die von allen zusammen getragen sollten. Sie stehen einer Zukunft gegenüber, die für uns in weiter Ferne ist. Ein Zimmer im Altenheim wird einem nicht hinterher geworfen. Es soll etwas übrig sein, für die Kinder und Enkel. Wenn diese denn Zeit für einen Besuch finden.

Alle sind sauer.

Gestern wurde übrigens auch Carolin Emcke als Preisträgerin für den Friedenspreis des deutschen Buchhandels bekannt gegeben. Die Wahl der Jury wurde damit begründet, dass sie in Situationen, in denen der Dialog schwer fällt, für das Gespräch plädiere.

Also gebt noch nicht auf. Bringt eure Alten nicht symbolisch um die Ecke. Sprecht mit der zankenden Dame an der Bushaltestelle. Nehmt mal wieder das Festnetz in die Hand und ruft Oma an. Fragt eure Eltern. Fragt sie alles. Vielleicht brauchen sie auch mal wieder einen anderen Blickwinkel auf die Welt.

Seid vorsichtig mit diesem Hass auf die Alten. Seid vorsichtig mit Hass. Wir müssen vielleicht alle mal wieder ein bisschen mehr chillen und reden.

*

or: Old, but gold?

There are cultures who practice homicide of the elderly. Either the young are obliged to kill their own parents oder the old are excluded from the community and left for dead.

When the great Britain decided to leave the European Union yesterday, it showed how angry our generation (the 90ies Kids) is with the old. Not only most of my friends in England were perplexed, even in my German feed, there was something else to be found than the usual „acquaintance 1 has commented on an unimportant stolen content video of acquaintance 2“.

We are shocked. And angry. With the old, who pissed on our parade.

We are angry because we have been dragged through school in eight years instead of nine, to become a productive member of a society that has elevated economic growth to a substitute religion, asap. And because we now realise, that growth cannot be endless. When the ivory has been used up, the tower cannot get any higher. And our grandparents must have known that.

We are angry because we had to know what we wanted to do for the rest of our lives already at the age of 17. We have been advised by people that graduated school when there were still two German states and the pension was still safe.

We are angry because we will probably not get a pension.

We are angry because not only do we have to be highly qualified for any job, but we also have to already bring some experience with us and be thankful if after five years of studying, we earn 1.800€ a month. Experience is gained through internships in which we aren’t taught anything new, but are confronted with tasks that go beyond anything we have learned in our training. Eight hours a day, available on weekends through Whatsapp, 300€ pay, if you’re lucky. Learning by doing is what your boss jovially calls this, winking to you from his wrinkled eye. At his dinner table, he tells his wife how important it is to foster young talent and how generous a man he is.

We are angry because in school we had our mobile phones taken from us and have to listen to people who have only been using emoticons since 2015 telling us, that the future is digital and that it is important to keep pace with it.

We are angry, because we cannot pay for housing space in what is supposed to be our home. Because old Barbara Hendricks says, that young professionals only need 30 square metres to live in, because they only need their apartments to sleep in and hang around in lounges and bistros all day anyway. And because that is so far away from our reality.

We are angry not only because in the middle of our twenties, we are still not independent from our parents, but also because we do not have a clue, how we can ever be. Those who inherit win. But sitting in houses that do not belong to you until someone dies, supported by those who finance their lives by having bought a few apartments in top quality locations, which one willingly „pays a little more“ for, is unsatisfying.

We are angry because we grew up as Europeans und now the old vote against us. The EU became effective the year I was born. Our youth was shaped by school trips to England, to Greece. You can buy cheaper beer in Denmark and a weekend in Amsterdam will be hard to realise because nobody of us will be able to drive back on Monday, not because there are borders. It’s hard to grasp why people would shit on those advantages, if it was them who raised us as Europeans. I got my A-levels from a Europe-school, I got my Bachelor’s degree from a Europe-university, I am a European. Why are you not European, grannys and grandads?

Yesterday not only did England break up with the EU, yesterday the old wrecked the future of the young. At least that’s what it feels like.

They are disillusioned. Their economic miracle is over. They don’t know the answers to everything, but are told they are responsible. You have all that experience, old man, tell us, why is the world shaped the way it is? They are the ones who have not been able to keep pace with all that technology. They are standing in front of the ruins of a time that was supposed to be carried by everyone. They are facing a future that is still far away for us. A room in an old people’s home isn’t cheap. Something should be left for the children, the grandchildren. If those ever find time for a visit.

Everyone is angry.

Yesterday, something else happened. Carolin Emcke was announced winner of the Peace Prize of the German Book Trade. The jury’s choice was established on the fact that in her work, she would always plead for dialogue, even when none seems possible anymore.

So don’t give up just yet. Don’t leave your elders behind. Talk to the bickering lady at the bus stop. Get your phone and call your grandma. Ask your parents. Ask them everything. Maybe they also need a new perspective on the world.

Be careful with that hate on the old. Be careful with hate. We all need to chill and talk to each other again a little more.

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