Der goldene Handschuh

Ist der unsympathisch. Nicht der Frauenmörder aus seinem Buch, nein, der Autor selbst. Bei der Lesung am Freitag präsentierte sich Heinz Strunk als so gnadenlos überheblich und arrogant („Ich schreibe für die Titanic, aber die liest in Flensburg ja eh keiner“), dass ich mich fragte, ob das Methode sei oder ob da jemand vertraglich an eine lästige Lesereise gebunden ist. Irgendwie muss der digge Schmuck am Arm ja bezahlt werden, dafür beißt man dann auch schon mal in den sauren Apfel und fährt in die Provinz, dem Plebs ein bisschen Kultur bringen.

Ganz nach dem Motto „Don’t judge a book by its author“ habe ich mir Der goldene Handschuh trotzdem mal vorgenommen. Doch der gehypte Roman will mir nicht so recht gefallen, die Eindrücke, die ich bei der Lesung gewonnen habe, haben sich bestätigt: Der Tenor ist unangenehm voyeuristisch, die Charaktere inkonsistent gestaltet, die Sprache platt. Was andernorts als mitfühlend bezeichnet wird, empfand ich als herablassendes Suhlen im Dreck anderer. Die Vortragsweise Strunks tat dazu ihr übriges, er las die Sätze wie Punchlines, immer auf der Suche nach dem nächsten Lacher. Die ihm das Publikum auch gab, nervös. Das Lachen war der Versuch, sich bei den anderen zu versichern – das ist gerade heftig, oder? Signalisiert mir bitte, dass ich nicht allein Anstoß daran nehme. Scheint, als hätte jemand Angst, dazu zu stehen, mal ein ernstes Buch geschrieben zu haben.

Ich hatte große Probleme, den Hauptcharakter des Textes zu fassen. Das mag in der Natur der Sache liegen; Fritz Honka, der in diesem Land vor meiner Zeit vier Frauen brutal gemeuchelt hat, scheint per se nicht der zugänglichste Typ zu sein. Aber je weiter ich las, desto klarer wurde mir, wieso ich ihn nicht begreifen konnte – er war schlicht zu widersprüchlich konstruiert. Erst entsteht der Eindruck, Fritz/Fiete/Honka sei arbeitslos, dann ist plötzlich die Rede davon, dass er seit Jahren in einer Werft arbeitet. Plötzlich spricht er mit Dialekt. Plötzlich erwürgt er eine Frau. Irgendwie fehlt da ein Pfad, dem man folgen kann.

Auch andere Charaktere werfen Fragen auf; ein Jugendlicher wird beschrieben, er quäle Tiere lieber, statt dass er sie schütze. Keine 70 Seiten später findet sich eine rührende Szene, in der der siebzehnjährige einen stinkenden Hund von ihn plagenden Fliegen befreit. Hä? Ich denk, der quält Tiere, warum ist er dann auf einmal so gutmütig?

Die Erzählperspektive tut ihr übriges, als auktoriale Einheit außerhalb des Textes ist sie in der Lage, alles zu beschreiben. Buchstäblich von oben herab. Das passt zu dem, was Heinz S. von sich präsentierte. Mir wurde es durch diese Distanz schaffende Haltung erschwert, einen Zugang zum Protagonist und seinen Handlungen zu bekommen, bei mir wurde Ekel statt Mitgefühl geschürt, schade. Die Geschichte des Frauenmörders lässt so viel Raum, Kunst zu erschaffen, die die Abgründe greifbar machen kann, aber mir scheint, dass hier das nötige Fingerspitzengefühl fehlte. Statt eines nachvollziehbaren Psychogramms ist ein Text entstanden, aus dem das Ego des Autors sich nicht zurückziehen konnte. Lachen über Leute, die selbst nicht mehr lachen können. Classy, geht immer.

Was mich am meisten stört ist jedoch die Sprache. Ich hab nichts gegen ein gepflegtes „Fotze“, „Wichsgriffel“ oder „geiles Gelee“ (definitiv nicht in Relation zu Brotaufstrich) einzuwenden, aber ich finde Vulgarität um ihrer selbst Willen langweilig. Das wird nicht automatisch ein gutes Buch, nur weil man möglichst harte Worte für vertrackte Situationen benutzt. Und das haben Houellebecq, Ellis, Bukowski, und Coetzee, die Strunk in der Danksagung als Inspiration nennt, im Gegensatz zu ihm erkannt. Dem Hamburger fehlt die Zärtlichkeit, die Notwendigkeit, die Geschicklichkeit, mit solchen Worten gezielt umzugehen. Und so wirken seine Sätze manchmal billig. Immer ist alles geil, geil und stinkt. Da muss mehr gehen.

Eventuell war es nicht hilfreich, zuerst zur Lesung zu gehen und dann das Werk zu lesen. Ich bezweifle allerdings, dass ich der Veranstaltung beigewohnt hätte, wenn ich den Text schon gekannt hätte. Gern hätte ich meine Meinung über den Künstler geändert, ihm eine neue Facette zugeordnet, aber ich finde mich nur bestätigt: Das nich mein Ding.

*

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Ein Gedanke zu “Der goldene Handschuh

  1. „Ich schreibe für die Titanic, aber die liest in Flensburg ja eh keiner“

    Ach komm, ist wohl eindeutig Humor! 🙂 Fand ihn bei Böhmermann & Schulz im Podcast ziemlich sympathisch und höre deswegen gerade das Hörbuch.

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