Pan

Entgegen der durch den Titel erzeugten Erwartung ist das Werk von Knut Hamsun kein Sachbuch über das Holzblasinstrument, das Herzen und Fußgängerzogen gleichermaßen verzaubert, und hier auch nicht der Nachname von Peter, sondern ein Roman. Ein ziemlich überraschender.

Noch überraschender als die eigentliche Lektüre ist allerdings die Tatsache, dass Hamsun, obwohl Norweger, ein hardcore Nazi war. Scheiße. Wenn man ein Buch gut findet, möchte man auch immer gern den Autor mögen, die Biographie dieses Individuums lässt allerdings einen ganz bitteren Nachgeschmack zurück. Wenn schlaue Menschen böse Gedanken haben, fällt es immer schwerer, dies zu entschuldigen, als wenn dumme Menschen unreflektiert platte Hetze nachreden. Es ist zwar beides gleich gefährlich, aber Intellekt verpflichtet. So nun bleibt einfach das Gefühl zurück, dass Hamsun ein Arsch war. Und da hilft auch kein Literaturnobelpreis mehr, wenn jemand einen liebevollen Nachruf auf Hitler schreibt oder Goebbels eben jene Nobelpreismedaille schenkt.

Und obwohl Knut H. einen beachtlichen Fanclub auch unter Nicht-Nazis vorzuweisen hat (unter anderem haben Hesse, Schnitzler, the one and only Kafka, Hemmingway, Einstein und Brecht sein Werk gediggt), bin ich jetzt von der Biografie des Autors so eingenommen, dass ich Pan gar nicht mehr mögen mag. Deshalb wird die folgende Revue weitestgehend ohne biographischen Background gestaltet. Denn die Worte dieses Werkes sind fein gewählt und kunstvoll aneinander gereiht, auch wenn Hamsun kacke drauf war. In diesem Fall respektiere ich die Kunst, nicht den Künstler.

Also, was passiert in Pan? Thomas Glahn, Lieutenant, Naturfan, Jäger, lebt mit seinem Hundi in einer Hütte im Wald. Er trifft Edvarda, eine süße Maus aus dem Dorf, die beiden verlieben sich. Klingt kitschig, ist aber gut gemacht; es folgt keine 08/15 Fotolovestory, sondern ein heftiges Hin- und Her, die beiden schwanken zwischen totaler Hingabe und gegenseitigem Fertigmachen. Mit der Treue nimmt Thomas es auch nicht so genau und vernascht nebenbei noch die ein oder andere Dame, die seinen Weg kreuzt. Edvarda steht ihm im Thema Umtreue allerdings um nichts nach und baggert hart an Herren herum, die besser situiert sind als Glahn. Katz und Maus, Achterbahn, ein Kräftemessen.

Was den Text zunächst wenig zugänglich macht ist die ausgeklügelte Natur- und Blumenmetaphorik. Hamsun hat ein solches Faible für ausschweifende Naturbeschreibungen, dass man aufpassen muss, nicht versehentlich die juicy Parts zu überlesen. Hinter dem Satz „Das Pferd steht und wartet“ verbirgt sich nämlich beispielsweise ein handfester Ehebruch. Und auch wenn der Protagonist sich nach einem Treffen mit seiner Angebeteten niederkniet, um „vor Demut und Hoffnung“ das Gras abzulecken, muss man sich als Leser fragen, ob damit nicht eher irgendetwas anderes gemeint ist.

Etwas eindeutiger sind da schon die Traumszenen, in denen Glahn an Pan, Namensgeber und Waldgott denkt, und sich lustvollem Kopfkino mit einer Iselin genannten Phantasiegestalt hingibt. Vertrauenswürdige Quellen wie vornamen.com verraten, dass der Name Iselin Waldfee oder Traum/Vision bedeutet. Nomen est anscheinend Omen, auch in den Wäldern Norwegens. Hier passiert während eines Powernaps mehr als auf 600 Seiten Knausgård Biografie.

Was bleibt nach der Lektüre? Zum einen die Erkenntnis, dass es immer wieder lohnt, verschiedensten Texten eine Chance zu geben. Ja, ist es anstrengend, sich mit Mythen zu beschäftigen, um einen Text zu verstehen. Es ist auch beizeiten ermüdend, ewig den Beschreibungen von Flora und Fauna eines fiktiven Nordnorwegens zu folgen. Aber es lohnt, hinter „Es wurde vier Uhr“ die wahre Aussage zu entdecken. Das ist keine Tatsachenbeschreibung. Das eine elegante Umschreibung für das, was bei Mann und Frau passiert, wenn sie sich ganz, ganz doll lieb haben. Zum anderen ist es die harte Einsicht, dass auch schlechte Menschen manchmal gute Bücher schreiben.

PS: Wer Pan heute noch nicht nah genug war, hier ein Knaller zum Wegträumen. Besonders empfehlenswert ist der Schnitt nach 2:30.

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