Platform

Michel Houellebecq ist eine Kraft. Platform zieht sich wie eine Welle zurück, sammelt ruhig Kraft, nur um dann mit voller Gewalt am Strand zu brechen, so dass man als Leser das Gesicht in Sand und Kieselsteine gerammt bekommt und nicht mehr weiß, wo oben und unten ist.

Die Story in fünf übersichtlichen Stichpunkten zum Heraustrennen und sammeln (Spoiler-free):


  • Protagonist Michel ist Beamter, Single und überaus langweilig
  • Er reist all-inclusive nach Thailand, wo er Valérie kennenlernt
  • Zurück zu Hause verlieben sich beide & geben sich der Fleischeslust hin
  • Gemeinsam steigen sie in den Sextourismus ein
  • Und dann geht es ab

Es dauert, bis Platform in Wallung kommt. Als großer Schwärmer für Unterwerfung und Elementarteilchen war ich vom ersten (langen) Teil des Romans schon fast enttäuscht, hatte beinah keine Lust mehr, weiterzulesen. Aber Michi, der alte Haudegen, entschädigt im hinteren Teil des Textes für jeden Moment des Zweifels, der einen kurz überkommen kann. Blöd von mir zu denken, Houellebecq hätte nicht jedes Wort in diesem Text mit Bedacht gewählt.

Seine besondere Gabe liegt darin, Strömungen seiner Zeit zu spüren und anzusprechen. Und das tut er wie ein Satellit, der die Erde umkreist: Er scheint in der Lage, ein Thema so zu erfassen, dass er es von jedem möglichen Sichtpunkt aus betrachten kann. Jene, die behaupten, seine Texte seien pure Pornographie, ekelhaft und anspruchslos, die können ihn nicht verstanden haben.

Jetzt kommt eine Mutmaßung: Sex, Sex- und Rassismus sind für diesen Autor nichts anderes als mögliche Positionen im Orbit unserer Welt. Er ist zu schlau, um wirklich so zu denken, wie seine Charaktere es tun. Houellebecq verbirgt die großen Themen hinter dicken Fassaden. Hinter allem Cunnilingus und Fellatio der Charaktere steckt vor allem eine große Sehnsucht nach Geborgenheit und Liebe. Hinter all ihrem Rassismus steckt vor allem ein Wunsch nach Weltfrieden und Einheit. Zwischen all ihrem Sexismus steckt eine tiefe Verehrung für Frauen. Er zeigt uns nur, auf wie viele verschiedene Arten die Welt neben den etablierten noch wahrgenommen werden kann. Uns Lesern bieten diese fast naturalistischen Elemente die Möglichkeit zur Katharsis.

Zurück zu Dingen, die man leichter am Text nachweisen kann. Der autodiegetische Erzähler versteckt sich in seiner gesamten retrospektiven Erzählung entweder hinter Büchern oder Alkohol (Geht weltweit wohl nicht nur ihm so). Falls jemand noch einen literarischen Text mit einem Haufen Intertext sucht, hier isser. Der Protagonist liest Reiseführer, Zeitungen, John Grisham, Agatha Christie und einen Haufen mehr.

Michel (hier der Maincharacter, nicht der Autor) hasst alle Menschen gleich, was fair ist. Bei ihm kommen weder der Islam, noch die Kunst, noch er selbst gut weg. Nur für Frauen scheint er etwas übrig zu haben. Besonders für die, die er für ihre Liebesdienste bezahlen kann. Und trotz oder gerade wegen all dieser Ablehnung spendet die Geschichte unter allen Schichten, Schockern und Längen Trost. Solang es uns noch nicht geht wie dem Erzähler, ist noch nicht alles verloren. Und auch dann, wenn wir an diesem Punkt angelangt sind, geht das Leben irgendwie weiter.

Platform ist intelligent, heftig, schockierend. Das ist ein Text für kritische Leser, die sich ihrer eigenen Position bei Themen wie Religion, Gender- oder Menschenrechtsfragen oder  Sexualität sicher sind, aber auch andere anhören können. An die Person, die neulich zu mir meinte, dass sie keine öffentlich-rechtlichen Sender brauche, da sie ja auf RTL Nachrichten gucken könne: Für dich ist das nichts.

*

Houellebecq is a force. Much like a wave, Platform draws back from the shore only to collect all its powers to break over the reader’s head, leaving him with his face dragged across sand and stones, not knowing which way is up anymore.

The story in five neatly arranged bullet points, to cut out and collect (Does not contain spoilers):


  • Protagonist Michel is a civil servant, single, and very boring
  • He goes on an all-inclusive trip to Thailand where he meets Valérie
  • Back home they fall in love together and indulge in carnal lust
  • Together they get into the business of sex tourism
  • And then the story kicks off

It does take time before Platform gets the adrenaline flowing. As a big fan of Submission and Atomised, I was nearly disappointed by the first (long) part of the novel, I almost didn’t feel like reading any further. But Michi, the old swashbuckler, makes up for every single moment of doubt later in his work. Stupid of me to think that Houellebecq did not choose every single word most carefully.

His biggest talent ist to detect currents of our time and to put them in words. He does so by orbiting a topic like a satellite orbits earth: He is able to look at a certain topic from every possible angle. Those who say that his texts are solely pornographic, disgusting and unaspiring did not get him.

Here is an assumption that I am making: Sex, sex- and racism are nothing but possible positions in our world’s orbit to Houellebecq. He is way too clever to really be thinking like he tries to make us think through his characters. He hides the big picture behind a thick facade. Behind all his character’s cunnilingus and fellatio is a strong desire for comfort and love. Behind all their racism is a longing for world peace and unity. Behind all their sexism is a deep adoration of women. All he does is show us how differently the world can be perceived other than from established points of view. To us readers, these almost naturalistic elements offer a possibility of Catharsis.

Back to things that can be shown on the text more easily. Throughout his retrospective account, the autodiegetic narrator hides behind either books or alcohol. (He might not be the only one who does so). If anyone is looking for a text full of intertext, here ya go, love. The protagonist reads travel guides, newspapers, John Grisham, Agatha Christie and other works.

Michel hates everyone the same, which is kind of fair. Neither Islam nor the Arts nor himself come off well with him. The only people he likes are women. Especially those he can pay for their services. But below all these different layers, shocking moments and its lengths, lies a bit of solace. As long as we’re not in the narrator’s position, all is well. And even if you are, life will still go on somehow.

Platform is intelligent, intense and shocking. This is a text for critical readers who are sure of their own position on different matters such as religion, gender or human rights and sexuality, but can also bear to listen to others. To the person who told me the other day that she didn’t need television under public law because she can watch the news on RTL: This isn’t for you.

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