Elementarteilchen

Man kann eigentlich keinem erzählen, dass man das gut findet. Also, jedenfalls nicht seiner Oma. Oder seinem Chef. Oder allen, die das Buch auch gelesen haben. Denn zugeben, dass man das genial findet heißt gleichzeitig, das man auch die Stellen gut fand, in denen es um

a) Ejakulationen im öffentlichen Raum
b) Gruppensex
c) Oralverkehr

geht. Das tut es häufig. Sex ist Thema, roh, ungeschliffen und dadurch seltsam entzaubert. Es würde jedoch den Kern dieses Werkes verkennen, es nur auf seine Nackidei-Momente zu reduzieren. Elementarteilchen berührt viele weitere Bereiche des menschlichen Lebens, ja, sogar das menschliche Leben selbst. Mich hat es auch berührt. Michel Houellebecq sorgt dafür, dass man mal wieder richtig etwas spürt. Und dass man sich mit höherer Physik befasst.

Bruno und Michel (Die Figur, nicht der Autor) haben die gleiche Mutter, sonst aber nicht viel gemeinsam. Bruno wird schon in der Schule gemobbt, weil er dick und komisch ist und hat ein heftiges Problem damit, seine sexuelle Lust zu bändigen. Das wird auch als Erwachsener nicht wirklich besser. Michel hingegen ist ein genialer Wissenschaftler, dessen Arbeit die Welt verändert. Er beschäftigt sich im Gegensatz zu Bruno lieber mit der Biologie, als mit weiblichen Genitalien und ist wie sein Bruder ein ziemlicher Einzelgänger. Aber eher aus eigener Motivation, nicht, weil ihn sonst niemand haben will. Elementarteilchen zeichnet den Lebensweg der beiden Brüder nach, der sich gelegentlich kreuzt. Spannende Story, das ist schon die halbe Miete. Das Besondere an dem Roman ist jedoch, wie er erzählt ist.

Zuerst sind es sehr viele Namen auf sehr kleinem Raum, der Roman beginnt wie eine verheißungsvolle Partie Mikado – man muss erstmal die Lage sondieren und sich Schritt für Schritt Klarheit verschaffen. Für die ersten 40-50 Seiten habe ich lange gebraucht. Ich musste oft zurückgehen, um nochmal nachzulesen, wie der Satz anfing und wer zur Hölle jetzt nochmal Janine war. Aber das ist wie bei allen Genussmitteln, man gewöhnt sich dran.

Sobald man ein Gefühl für die Sprache entwickelt hat, entfaltet sich die Struktur des Romans blütengleich. Spätestens nach dem ersten von drei Teilen innerhalb des Romans merkt man, dass man etwas Besonderes entdeckt hat. Die einzelnen Kapitel sind so geschickt miteinander verbunden, dass einem das zarte Zickzackmuster erst nach und nach bewusst wird. Mich begeistert das. Diese Klugheit, dieses Vermögen, mit Worten so erhaben umzugehen ist einzigartig. Da könnte sich Knausgård mal ’ne Scheibe von abschneiden.

Die Schilderungen von Brunos Lustmolchdasein wären wohl kaum zu ertragen, wenn der Erzählstil nicht so nüchtern wäre. Wer da aber eigentlich erzählt, erfährt man erst in der Nachrede. Und dieser Moment löste in mir ein inneres Feuerwerk der Synapsen aus (in etwa so). Persönlich kann ich den Moment mit dem Ende von Fight Club oder Inception vergleichen. Völlig geflasht.

Houellebecq Sexismus vorzuwerfen ist leicht, aber zu sehen, wie tragisch und mit welcher Tiefe er die Frauenfiguren in Elementarteilchen konzipiert, zeugt eher von einer großen Bewunderung von Frauen als einer großen Abscheu ihnen gegenüber. Vielleicht ist der als Misogyn abgestempelte Autor in Wirklichkeit ein großer Feminist. Dazu hätte ich gern mal eine Stellungnahme von jemandem mit mehr Ahnung als ich (thisthingabout.de, anyone?).

Elementarteilchen hat etwas geschafft, was lange nichts mehr geschafft hat: ich hatte Gänsehaut.

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