Panikherz

Sollte man seine Helden treffen? Und wenn ja, was sagt man dann zu ihnen?

Ich habe Benjamin von Stuckrad-Barre getroffen. Meinen Lieblingsautor. Den Mann, dessen Geist ich so verehre, dass ich ein gerahmtes Bild von ihm im Regal über meinem Bett stehen habe. Den großartigen Künstler, nach dem ich gern meinen Erstgeborenen nennen würde. Den wahnsinnigen Moderator, in dessen Fernsehsendung Christian Lindner gekifft hat.

Na okay, wir haben uns jetzt nicht zum Brunch getroffen oder weil er gern Werbung für Literaritaet machen wollte. Ich habe ihn ganz standard an einem schwarzen Plastikstehtisch nach seiner Lesung um eine Signatur gebeten. Aber für mich reicht das, um in meinem inneren Highlight Reel des Lebens Erwähnung zu finden. Stuckrad-Barre die Hand schütteln, check.

Nein, innerhalb der letzten 46 Stunden, die seit dem Erwerb des Buches vergangen sind, habe ich es noch nicht geschafft, den gesamten Text zu lesen. Aber auf der zweistündigen Lesung in der Hamburger Markthalle konnte ich schon einen Eindruck von Panikherz gewinnen. Und ich mag es. Weil es so nah an meine Weltsicht herankommt. Stuckrad-Barre hatte einfach schon immer ein Gespür dafür, wie man Menschen kategorisieren kann. Und tut das gnadenlos. Es kann einem auf den Keks gehen, dass er so konstant versucht, jeden Menschen irgendwie einzuordnen. Aber das macht auch seinen Charme aus. BvSB ist das literarische Pendant zum Amazonempfehlungsalgorithmus. „Menschen, die das mochten kauften auch…“ – „Wer seine zweite Ehe lobt, denkt schon an die dritte“.

Der Abend mit Panikherz war nicht nur tierisch lustig, sondern darüber hinaus inspirierend. Ich habe den Lesenden (St.-Barre, Christian Ulmen und Sven Regener) gelauscht und gespürt, dass die Literatur für mich immer der beste Spiegel der Menschheit sein wird. Scheiß auf Bilder, scheiß auf Fernsehen. Geschriebene Worte sind die Währung, in der mein Herz bezahlt. Kitschig, aber wahr.

Zum Handwerklichen kann ich bisher Folgendes sagen: Benjamin von Stuckrad-Barre (was für ein fetziger Name das einfach ist) scheint er selbst geworden zu sein. Er erzählt seine Geschichte. Eine ähnliche hat man schon in Soloalbum gehört. Jedenfalls kommt einem der Stil so bekannt vor, dass man sich fragt, ob das gerade wirklich das erste Mal ist. Oder warum man sie so noch nicht gehört hat. Mag sein, dass das einfach ein Zeichen dafür ist, dass sich seine Arbeit treu geblieben ist. Der Standpunkt des Autors ist dieses Mal allerdings ein anderer. Ohne Gnade vor sich selbst erzählt er von dem jungen Mann, der er war, dem der Erfolg nicht gut tat und davon, wie er aufhören konnte, sich selbst zu zerstören. Drogen, Ruhm, Entzug, Rettung, das alles kommt vor. Und es geht viel um Udo Lindenberg. Die Kapitel sind liebevoll nach Zeilen aus seinen Liedern benannt.

Stuckrad-Barre rauchte sehr viel an diesem Abend, war viel kleiner als gedacht und seine Hyperaktivität war irgendwie sexy. Andere Autoren wie Christian Kracht haben zwar mehr Anmut in ihren Worten, aber Stuckrad-Barre hat den Salzstreuer für unsere Wunden. Naja, jedenfalls für meine. Seine zu Helden treffen ist vielleicht das Großartigste, was einem passieren kann. Wenn sie danach immer noch Helden sind jedenfalls.

Natürlich kam nur Unsinn aus mir heraus, als ich neben ihm stand. Wochenlang hatte ich mir überlegt, was ich sagen könnte, um irgendwie in Erinnerung zu bleiben nach diesem Abend. Ich hab mir tolle Sätze und lockere Witze ausgedacht, mit denen ich Stuckrad-Barre meine Visitenkarte zustecken könnte. Und es hat alles nichts genützt. Wenn man jemanden trifft, den man bewundert, vergisst man im Vorfeld, wie mächtig das Adrenalin reinhaut. Ich habe nur ein leises: „Ich bin seit langer Zeit mal wieder richtig aufgeregt.“ heraus gebracht. Und Benjamin von Stuckrad-Barre hat geantwortet: „Ich auch.“

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