The Sense of an Ending

Wow. Das ist ein gutes Buch.

Das Cover gleicht einem schlimmen, durch multiple Instagram Filter gejagten Motivationspost, gestaltet von in der Pubertät versunkenen Dreizehnjährigen, die davon träumen, irgendwann alt genug für ihr erstes Tattoo zu sein. Auch wenn wir natürlich Anfang des Jahrtausends kaum besser waren, wir verlorenen Seelen vom Ende der 90ies. Aber ein Buch aufgrund des Covers zu bewerten, ist natürlich wie potenzielle Partner nach ihrem Aussehen zu beurteilen (hust, Tinder).

Nun zum qualitativ hochwertigen Teil nach dem Bashing des Designs: Julian Barnes schreibt verdammt gut. In The Sense of an Ending oder auf Deutsch Vom Ende einer Geschichte geht es um Erinnerungen und wie sie uns täuschen können. Eine Realität, mit der man selbst immer wieder konfrontiert wird, wenn man die Selfies findet, die man in der achten Klasse bei SchülerVZ gepostet hat. Wie oft hat man in diesen Momenten seine Eltern beneidet, deren einziger Zeuge ihrer Jugend oft vereinzelte Fotografien aus Schul- oder Familienfeierkontexten sind. In meiner Erinnerung mag ich immer ganz geschmackvoll gekleidet gewesen sein, aber die Bilder aus dem Album „Bester Tag mit meiner Besten ❤ wdnv!“ sprechen eine andere Sprache. Nämlich die von kniehohen Ringelsocken, Schweißbändern und verwackeltem ersten Lidstrich.

Bei dem Protagonisten, einem männlichen Rentner, geht es dabei aber um schwerwiegendere Dinge als miserables Styling. Die Geschichten aus seiner Jugend werden von Tony selbst erzählt. Als er in seiner Gegenwart mit Artefakten (Briefen, Tagebucheinträgen) aus dieser Zeit konfrontiert wird, wird ihm zweifellos vor Augen geführt, dass die Ereignisse völlig anders abliefen  – nämlich gar nicht so, wie er sie im Kopf hatte. Das mag abstrakt klingen, aber ich habe Angst, zu viel zu verraten, denn diese Geschichte sollte man ganz ohne Vorwissen konsumieren.

Ohne hart zu spoilern kann ich jedoch sagen, dass Barnes sein Handwerk beherrscht. Er hat sich nicht nur eine Story ausgedacht, die besser und spannender ist als alles, was Dan Brown so hervorbringt, ohne auf den Thrill angelegt zu sein. Nein, auch die Techniken, die er benutzt sind auf hohem Niveau. Er will von den Fehlern der Erinnerung berichten, also lässt er den Erzähler selbst unzuverlässig sein. Das ist konsequent und wirkungsvoll. Die ersten Sätze der Novelle (denn The Sense of an Ending verbraucht wirklich nicht genug Papier, um Roman genannt zu werden) erscheinen einem zunächst mysteriös und seltsam. Aber sie sind mit dem gesamten Text verknüpft und tauchen immer wieder auf; ergeben schließlich sogar Sinn.

Julian Barnes erschafft mit seinem Stil einen Raum, der so gigantisch ist, dass man sich selbst klein fühlt. Aus Staunen vor dem Kunstwerk.

*

Wow. This is a good book.

The cover resembles a horrible motivational post that has been put through multiple Instagram filters by thirteen-year-olds who were hit with puberty and dreaming about finally being old enough for their first tattoos. Even though we weren’t any different at the beginning of the millenium, us lost souls from the end of the 90ies. But to judge a book by its cover would of course be like judging potential partners by their looks (*cough*, Tinder).

Now to the high quality part after bashing the design: Julian Barnes is a fucking good writer. The Sense of an Ending is about our memory and how it can deceive us. A reality that one is often confronted with when stumbling upon selfies that were uploaded to Myspace in eighth grade. How often does one envy our parents whose only witness of their youth are often single pictures that were taken in either school or family gathering context. I may have been very tastefully dressed in my memories, but the photo album called „Best day with my Bestie ❤ nwly“ speaks a different language. That of striped knee-high socks, sweat bands and smudgy first tries of applying eyeliner.

The protagonist, a male retiree, has far more severe problems to deal with than just dreadful styling. The stories from his youth are told by Tony himself. When he is confronted with artefacts (letters, diary entries) from his past in his retired present, he has to accept without a doubt that the events took place completely different from what he had them in mind. This may sound abstract now, but I’m afraid I might say too much because this story should be consumed without any prior knowledge of it.

Without spoiling too much of it, I can say that Barnes really knows his trade. Not only did he think of a story that exeedes everything Dan Brown produces in both exellency and suspense without even trying to be thrilling. But also are the techniques he uses of a very high standard. He wants to tell a tale of the imperfections of our memory and creates an unreliable narrator. That’s consequent and effective. The first sentences of the novella (because The Sense of an Ending doesn’t use up enough paper to be considered a novel) seem mysterious and weird at first glance. But they resurface later and connect up with the whole text; suddenly making sense.

With his style, Julian Barnes creates a gigantic space that makes one feel very small. Amazed by such a work of art.

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