Gegen den Hass – Das Grundgesetz

Als ich acht Jahre alt war, wurde mein Urvertrauen in die Welt das erste Mal erschüttert. Damals flogen zwei Flugzeuge in das World Trade Center in New York. Und ich habe dabei nur zusehen können. Das nächste Mal richtig schlecht wurde mir viele Jahre später, als ein selbsterklärter Tempelritter auf einer Insel auf Jugendliche schoss. Auf Utøya starben fast neunzig Menschen. Menschen, die in meinem Alter waren. Und wieder konnte ich nur die Nachrichten verfolgen und zusehen.

Jetzt brennen Flüchtlingsunterkünfte oder Häuser, die es noch werden sollen. Hier, in dem Land, in dem ich mich bisher sicher gefühlt habe. Verängstigte Kinder werden aus Bussen am Nacken durch einen Mob gezerrt, so dass es einem übel wird (FYI, lieber Polizist, Syrer sind keine Katzenbabys, die sich dann besser tragen lassen). Man nehme ein paar brüllende Mobber, Fackeln und Mistgabeln und schon kann man prima Vampire pfählen oder Asylbewerber das Fürchten lehren. Und wenn man sie mit genug AfD Hassparolen füttert, fangen die kleinen Äffchen sogar an, bei Hausbränden zu klatschen. Wie praktisch. Wenn diese empathielosen Personen dann noch rufen, dass sie das Volk seien und damit den Slogan eines friedlichen Protests missbrauchen, dann kriege ich echt das Kotzen.

Aber dieses Mal werde ich nicht einfach nur zusehen. Ich wähle den schriftlichen Protest. Und rate jedem, der sich freut wenn es irgendwo in C, B, oder sonst wo brennt, wo Menschen Schutz suchen, sich doch vielleicht lieber auch mal wieder ein gutes Buch zur Hand zu nehmen. Dann applaudiert es sich auch schlechter bei Brandstiftungen. Physischen und geistigen.

Weil ich diesen xenophoben Bullshit nicht mehr aushalte, habe ich mir heute das Grundgesetz zur Hand genommen. Das ist zwar vielleicht keine Literatur im klassischen Sinne, aber was soll’s, Hellmuth Karasek hat schließlich auch mal den IKEA Katalog  rezensiert. Ich habe mir die Basics mal genauer angeschaut, um in Zukunft besser argumentieren zu können. Grundgesetz ist halt Totschlagargument. Und wer wie im Wahn brüllt, dass er das Volk sei, der solle sich doch mit diesen fuchsigen Sätzen mal auseinandersetzen. Das ist auch eure Konstitution, ihr armen deutschen Würstchen.

Das Ganze fängt mit einer Präambel an, aber mal ehrlich, wer liest schon das Vorwort. Hier lohnt es jedoch, die erste Seite mal nicht zu überblättern. Ohne jetzt zu viel zu verraten für jeden, der noch Lust hat, selbst reinzuschmökern; es geht um Verantwortung, ein vereintes Europa, und darum, dass das Gesetz für das gesamte deutsche Volk gilt (Ich spare mir hier eine Spitze auf Sachsen, das wie alle anderen Bundesländer genannt wird, um nicht Dinge in einen Topf zu werfen, der eh schon zu voll ist von Vorurteilen).

146 Kapitel erscheint einem auf den ersten Blick etwas viel, aber die juicy Teile sind eh am Anfang. Ich habe kein Jura studiert und glaube auch, dass mir dazu irgendwie der Elan fehlt, aber die Überschrift die Grundrechte klingt wie der Teil der Handlung, der am packendsten ist. Und mit was für einem Paukenschlag der Hauptteil loslegt, da schlackern einem die Ohren: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Machten wir das zur Maxime unseres Handelns, hätten wir weniger Stress im Leben, isso. Weiter geht es mit einer Bemerkung dazu, dass jeder seine Persönlichkeit frei entfalten möge. Aha, heben da die sich zunehmend radikalisierenden Hasskommentatoren in den sozialen Medien erbost den Zeigefinger: Das könne alles unter Persönlichkeitsentfaltung verbucht werden! Wenn eine Persönlichkeit sich nun einmal so entfaltet, dass sie gern Geflohene bepöbelt, dann müsse das doch rechtens in Ordnung sein. Falsch.

Obacht, Satzgefüge! Nimm dir einen farbigen Stift zur Hand und unterstreiche, Hauptsatz blau, untergeordneter Nebensatz rot: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.“ Und ohne jetzt die Chronologie des Textes verletzen zu wollen, auch die Meinungsfreiheit hat ihre „Schranken“.

In Artikel drei geht es dann richtig heiß her: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich“ und mein persönlicher Favorit: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ – Sieh mal einer an, mag da der fröhliche Freund von islamfeindlichen Spaziergängen denken, ist ja gar nicht so cool, gesetzlich. Jeder darf nämlich übrigens glauben, was er will. Sogar ohne Einschränkungen.

Dann kommen verschiedene Themenbereiche, die alle kurz abgesteckt werden wie Familie, Schulwesen (wusste gar nicht, dass das so genau im GG steht), das Recht, sich friedlich zu versammeln inklusive Einschränkung, etwas zu Vereinen, Briefgeheimnis und Freizügigkeit. In Bezug auf Wohnungen, nicht Nudismus. Es geht weiter mit anderen Rechten, über die ich auch sehr froh bin, aber man hat das Gefühl, dass man nun in der Pflicht angekommen, ist, die Kür ist vorbei. Bis zu Artikel 16a, bei dem man nochmal besonders aufmerkt. Ich hoffe, mir die Nummer dieses Absatzes endlich mal merken zu können. Denn in Artikel 16a (1) steht, in einem schlichten Satz, ohne Schnickschnack: „Politisch Verfolgte genießen Asylrecht.“

Hey, ihr „Wir sind das Volk“ 2.0 Skandierer, Flüchtlingsunterkunfts-Brand-Beklatscher und Xenophobe aller (Bundes)Länder:

Erstmal, nö, seid ihr nicht. Ihr seid nicht das Volk. Erstens ist der Spruch geklaut. Und zweitens: Ich stehe nicht vor Bränden und hoffe, dass darin Menschen ums Leben kommen. Und ich bin auch Teil dieses Volkes. Und werde niemals so sein wie ihr. Werft mir ruhig Polemik vor, aber hey, ich hab Artikel 5 des Grundgesetzes auf meiner Seite, Bitches.

*

When I was eight years old, my basic trust in the world was shaken for the first time. Back then, two planes crashed into the World Trade Center in New York. And all I could do was watch it happen. The next time I felt physically sick was many years later, when a self-proclaimed Knight of the Temple shot youths on an island. Nearly ninety people died on Utøya. People who were my age. And once again, I could only follow the news reports and watch.

Now refugee accommodations or houses that are meant to be ones, are burning. Here, in the country that I have until now always felt safe in. Scared children are being dragged by the neck through a mob in a way that can only make you feel sick (FYI, dear policeman, Syrians are not kittens that you can carry more easily that way). Take a few screaming mobbers, torches and pitchforks and you’re ready to stake vampires or teach asylum seekers the meaning of fear. And if you feed them enough AfD hate paroles, the little monkeys will even start clapping their hands to burning houses. How handy. And when these empathyless persons then start to shout that they’re the people thus abusing the slogan of a peaceful protest, it really makes me want to throw up.

But this time, I won’t just watch. I’m choosing the form of written protest. And I’m encouraging everyone who gets happy when there is a fire somewhere in C, B, or elsewhere where people try to find safety, to also grab a good book. That automatically makes it much harder to applaud incendiarism. Of physical or mental kind.

Because I can’t take all this xenophobic bullshit anymore, today I took a look at the Basic Law for the Federal Republic of Germany. It may not be Literature in its classical sense, but whatever, Hellmuth Karasek once even reviewed the IKEA catalogue. I had a look at the basics, to be able to find better arguments in the future. Constitution is a killer argument. And whoever is shouting like a lunatic that they’re the people, should probably have a look at those foxy sentences. This is your constitution too, you poor, German sausages.

The whole thing starts with a preamble, but let’s be honest, who reads the preface anyway. But this time, it might be rewarding not to skip the first page. Without trying to reveal too much for anyone who wants to have a browse themselves; it’s about responsibility, a united Europe and the fact that the constitution applies to all of the German people (I’m saving myself a stinger towards Saxonia that is mentioned alongside all German federal states to not throw everything into the same pot which is already overfull with too many prejudices).

146 chapters seem a bit much at first glance, but the juicy bits are at the beginning anyway. I didn’t study the law and I’m pretty sure that I don’t have the vigour to do so, but the headline the basic laws sound like the part of the plot that’s most enthralling. And what a bombshell the main part starts with, it leaves you speechless: “Human dignity is inviolable“. Would we all act on that maxim, we’d have less stress in our lives, just sayin’. Next up is a comment on everybody being able to unfold their personalities freely. Uh-huh, may the progressively radicalising hate commentators on social media now raise their fingers: All this can be filed under unfolding one’s personality! Should a personality unfold in such a way that it likes to intimidate refugees, that should be alright, by law. Wrong.

Attention, complex sentence! Take a coloured pencil and underline, main sentence in blue and subordinate clause red: “Everyone has the right to free development of their personality, insofar as they do not violate the rights of others and do not infringe the constitutional order or the moral law“. And not trying to impair the chronologic order of this text, also the freedom of speech has its “boundaries“.

Artikel three then has its really hot moments: „All people are equal before the law“. And my personal favourite: “No one should be discriminated or favoured for their gender, their origin, their race, their language, their home and descent, their religious or political views. No one should be discriminated because of their disability.“ – Well, well, may a cheerful friend of anti-islamic walks think now, being racist isn’t so dope legally, after all. Because by the way, everyone can believe in whatever they believe in. Even without boundaries.

After that, there are many subject areas which are briefly covered like family, the school system (didn’t even know the constitution covered that in such detail), the right to gather peacefully, including restrictions, something about clubs, privacy of correspondence and free movement. Next are a bunch of other rights that I am very happy to have, but you get the feeling to have reached the obligation part after the freestyle. Until one reaches article 16a, which makes you sit up. I hope I can finally keep this number in mind. Because in article 16a (1) it says, in a simple sentence without any fuzz: “Politically persecuted persons have the right to asylum.“

Hey, you “We are the people“ 2.0 chanters, refugee-accommodation-fire-applauders and xenophobes of all (Federal)states and countries:

For once, nope, you’re not. You’re not the people. First of all, this saying is stolen. And secondly: I’m not standing in front of burning house hoping that people die in the flames. And I am one of the people. And I’ll never be like you. You can accuse me of polemics, but hey, I have article 5 of the constitution on my side, bitches.

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2 Gedanken zu “Gegen den Hass – Das Grundgesetz

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